Das Kinderparlament

Kinderparlament

Angelehnt an die Reggio Pädagogik und mit Bezug auf Kinderrechte und Beschwerdeverfahren (siehe unten) wird seit dem Jahr 2008 in der Kita Laerer Löwenzahn das Kinderparlament für die Umsetzung dieser wichtigen Punkte eingesetzt und gelebt. Das Kinderparlament ist eine Versammlung, an der die älteren Kinder und die Erzieherinnen des Löwenzahns von montags bis donnerstags morgens teilnehmen. Die Kinder erhalten dadurch die Möglichkeit in Planungen und Entscheidungen miteinbezogen zu werden. Durch das Aufgreifen ihrer Anliegen sowie durch das Mitbestimmen haben die Kinder im Alltag eine große Bereitschaft die besprochenen Dinge umzusetzen. Indem die Kinder aktiv in die Planung einbezogen werden, wird ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Ideen vorzustellen und sie in der Gemeinschaft mit anderen Kindern weiterzuentwickeln. Sie sammeln Erfahrungen im Vorstellen und Diskutieren ihrer Ideen und Wünsche (vgl. Lingenauber 2004, S.104ff).

 

web_P1040909 web_P1040906 web_20170704_085443
<
>

 

Was kann im Kipa erzählt, an- und besprochen werden?

Probleme, Themen der Kinder: Wünsche/ Anliegen/ Interessen, Fragen, Projektarbeit: Welche Ideen sollen realisiert werden? Erlebnisse in der Kita/ von zu Hause, Dinge zeigen, Beschwerden, Abstimmungen und Entscheidungen.

 

Kinderrechte

Gesetzliche Veränderungen haben sich 1990 im KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) durch die Einführung der Kindheitsreform und im Bürgerlichen Gesetzbuch durch § 1631, Abs. 2 ergeben. „Kinder werden zunehmend als Subjekte mit eigenen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen und mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die jedoch nach Alter, Klasse, Geschlecht und Kultur differieren, wahrgenommen“ (Braches-Chyrek 2014, S. 420). Kindern werden seitdem als Rechtssubjekte anerkannt. Am 5 April 1992 sind die UN-Kinderrechtskonventionen in Deutschland in Kraft getreten. Diese gelten seit 2010 für jedes in Deutschland lebende Kind (vgl. Maywald 2016, S. 38ff.). Die Kinderrechtskonvention orientiert sich an den allgemeinen Menschenrechten, stellt eine Erweiterung dieser dar und berücksichtigt das Eingehen auf die Bedürfnisse und Belange der Kinder (vgl. Maywald 2016, S. 16).

 

Partizipation

Nach Schröder wird Partizipation so definiert, dass Kinder Entscheidungen über ihr Leben (Selbstbestimmung) und über das gemeinsame Leben mit anderen (Mitbestimmung) treffen können. Partizipation basiert auf einer „respektvollen Haltung und einer strukturellen Verankerung“ (Knauer 2014, S. 566). Die Verankerung beinhaltet Selbst- und Mitbestimmungsrechte sowie Verfahren der Beteiligung. Dies ist auch im SGB VIII z.B. im § 8 (an Entscheidungen beteiligen) und im Bundeskinderschutzgesetz § 45 verankert. Im SGB VIII § 8 Abs. 1 steht verfasst, dass Kinder ein Recht auf Partizipation haben. „Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen“ (Vorholz 2017, S. 11). § 45 im Bundeskinderschutzgesetz besagt, dass jede Kinder- und Jugendeinrichtung „zur Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung geeignete Verfahren der Beteiligung sowie der Möglichkeit der Beschwerde in persönlichen Angelegenheiten Anwendung finden muss“ (Knauer 2014, S. 563). Zudem findet sich in der UN-Kinderrechtskonvention das Recht auf Partizipation in verschiedenen Artikeln wieder. Beispielsweise in Artikel 12 (Meinung äußern in allen sie betreffenden Belangen), Artikel 13 (freie Meinungsäußerung)und Artikel 14 (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) (vgl. Flowers & Brederode-Santos 2009, S. 291). Kinderrechte umfassen auch das Recht, dass Kinder „an allen Angelegenheiten, die sie betreffen“ (Braches-Chyre 2014, S. 424), beteiligt werden. Das KiBiz NRW sowie die Bildungsgrundsätze beinhalten ebenfalls die Punkte Partizipation und Kinderrechte und fordern eine Umsetzung dieser im Alltag.

Partizipation ist Teil des Bildungsauftrages in Grundschulen und Kindertagesstätten. Partizipation bereitet Kinder auf die demokratische Gesellschaft vor. Die Kinder erfahren dabei, was demokratische Entscheidungsprozesse umfassen und bewirken können, übernehmen Verantwortung, erfahren Selbstwirksamkeit und lernen, dass ihre Meinung wichtig ist. Somit werden sie in ihrer Persönlichkeit gestärkt (vgl. Vorholz 2017, S. 35ff.). Sie lernen mit dem Ergebnis der Abstimmung umzugehen. Zudem wird durch Partizipation erreicht, dass die Kinder selbstständiger werden, sie lernen Entscheidungen zu hinterfragen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen sowie eigene Grenzen einzuschätzen (vgl. Knauer 2014, S. 564). Nur so können sie vor Gefahren geschützt werden (vgl. Maywald 2016, S. 39ff.). Können Kinder Grenzen und Bedürfnisse wahrnehmen und Verletzungen dieser erkennen, sind sie in der Lage, sich vor Übergriffen zu schützen und sich mitzuteilen. Dafür ist es wichtig, den Kindern Erfahrungen zu geben, in denen sie erleben, dass ihre Grenzen von anderen geachtet werden. Dafür eigenen sich Beschwerdeverfahren, die einen Teil des Kinderschutzes darstellen (vgl. Maywald 2016, S. 78ff.).

 

Beschwerdeverfahren

Aufgrund von Missbrauchserfahrungen von Kindern und Jugendlichen ist das Bundeskinderschutzgesetz entstanden (siehe oben). Um Missbrauchserfahrungen zu verhindern, ist es wichtig, Vorkehrungen und Beschwerdeverfahren zu installieren sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit Macht zu demonstrieren. In Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention wird das Recht des Kindes auf das Äußern der eigenen Meinung bei Entscheidungen, die das Kind betreffen, mit Berücksichtigung des Alters sowie in Artikel 13 das Recht des Kindes auf die freie Meinungsäußerung erfasst. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit und die Pflicht der Träger, Beschwerde- und Beteiligungsverfahren einzuführen, die dies ermöglichen. Laut § 45 Absatz 2 SGB VIII erhält eine Einrichtung nur dann eine Betriebserlaubnis, wenn dies gewährleistet ist. Beschwerden können an jeden, der Teil der Einrichtung ist (Kinder, Eltern, pädagogische Fachkräfte usw.) formuliert werden (vgl. Maywald 2016, S. 78ff.). Der Bezug zu den Kinderrechten sollte daher zum Standard sämtlicher Leitbilder und Konzepte gehören (vgl. Maywald 2014, S. 15).

 

Literatur

BRACHES-CHYREK, Rita (2014): Kinderrechte. In: BRACHES-CHYREK, Rita / RÖHNER, Charlotte / SÜNKER, Heinz / HOPF, Michael (Hg.): Handbuch Frühe Kindheit. Opladen [u.a.]: Budrich.

FLOWERS, Nancy /  BREDERODE-SANTOS, Maria Emilia (2009): Compasito. Handbuch zur Menschenrechtsbildung mit Kindern. 1. Aufl. (Themen und Materialien). Berlin: Dt. Inst. für Menschenrechte [u.a.].

KNAUER Raingard (2014): Partizipation in der frühen Kindheit. In: BRACHES-CHYREK, Rita / RÖHNER, Charlotte / SÜNKER, Heinz / HOPF, Michael (Hg.): Handbuch Frühe Kindheit. Opladen [u.a.]: Budrich.

LINGENAUBER, Sabine (2004): Handlexikon der Reggio-Pädagogik. 1.Aufl. Bochum/ Freiburg: projekt verlag.

MAYWALD, Jörg (2016): Recht haben und Recht bekommen. Der Kinderrechtsansatz in der Kinder- und Jugendhilfe. In: HARTWIG, Luise / MENNEN, Gerald / SCHRAPPER, Christian (Hg.): Kinderrechte als Fixstern moderner Pädagogik? Grundlagen, Praxis, Perspektiven. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

MAYWALD, Jörg (2016): Kinderrechte in der Kita. Kinder schützen, fördern, beteiligen. Freiburg im Breisgau: Herder.

VORHOLZ, Heidi (2017): 55 Fragen & Antworten. Partizipation in der Kita. 2. Aufl. Berlin: Cornelsen.